Der Guru der Gurus
Shivaram hat uns bei den April-Celebrations ausgesprochen inspiriert, als er uns erzählte, dass ein indischer Astrologe ihm einmal mitgeteilt hatte, er stehe unter der Führung des Gurus aller Gurus.
In diesem Zusammenhang fallen mir zwei Geschichten ein. Die eine betrifft den bekanntesten Sufimeister im Westen, der vor einigen Jahren gestorben ist und meines Wissens der einzige Meister war, mit dem Guru engeren Kontakt gepflegt hatte und der, zumindest –teilte man mir einmal dies mit, Guru mehr liebte als Guru fast alle eigenen Disciples zu lieben vermochten. Der Sufimeister habe einmal bei einem Treffen mit Guru seinen eigenen Schülern gesagt - sie sollen alle Schüler unseres Gurus werden... Guru hat natürlich nur geschmunzelt und abgelehnt. Und dann gibt es einen lebenden Meister in Kroatien, der Schüler eines Schülers von Sri Ramakrishna ist. Ein blindes Ehepaar ist wiederum Schüler dieses Meisters. Als dieses Ehepaar beschloss, nach Wien zu ziehen, sagte ihnen ihr Meister, dies sei die goldene Gelegenheit, Schüler von Sri Chinmoy zu werden, denn dort gäbe es ein großes Sri Chinmoy Zentrum. Unser Guru, so sagte der Meister, sei der größte lebende Meister auf der Erde (das war vor einigen Jahren). Sie kamen dann mit größtem Eifer in unseren Meditationskurs in Wien, erfüllten von der ersten Stunde an alle nötigen Kriterien für die Aufnahme in unsere Gemeinschaft und konnten es gar nicht erwarten, bis unser Meister sie annehmen würde. Guru nahm sie allerdings nicht als Schüler an – vielleicht waren sie einfach für den anderen Meister bestimmt. Ein paar Monate später ergab es sich, dass Guru einen Besuch und ein Friedenskonzert in Slowenien, einem Nachbarstaat von Kroatien, plante. Der blinde Mann, den ich schon vergessen hatte, rief mich ganz aufgeregt an, denn von irgendwo hatte er die Information über Gurus Besuch erhalten; dringend wollte er wissen, ob wir allenfalls eine Mitfahrgelegenheit für ihn organisieren könnten, als Blinder sei es sonst sehr schwierig für ihn, sich in einem fremden Land zurecht zu finden, darüber hinaus sei er zur Zeit arbeitslos und hätte daher kaum Geld, aber er könne sich diese „Once in a life-time“-Chance keinesfalls entgehen lassen. Da wir unsere Autos schon mit Schülern von Sri Chinmoy gefüllt hatten und dann ja auch auf private Functions zu gehen planten, musste ich dem Mann absagen und ich vergaß die Angelegenheit sehr schnell. Einige Tage nach Gurus Slowenienbesuch erhielt ich dann abermals einen sehr aufgeregten Anruf von dem blinden Sucher. Er erzählte mir, dass er in seiner Not einfach nach Kroatien gefahren sei und sich dort seinem Meister angeschlossen hätte, der zusammen mit seinen Schülern zu Gurus Konzert nach Slowenien gefahren sei (ich hatte beim Konzert tatsächlich einen Inder in indischem Gewand, sehr feinem Gesicht und langem Haar bemerkt). Bei dem Konzert hätte der Blinde in einem Meer von Licht gebadet und selbst jetzt, einige Tage später, sehe er noch überall das Licht von Sri Chinmoy. Der Sucher bat mich eindringlich, ihm mitzuteilen, wann Sri Chinmoy das nächste Mal nach Europa käme. Ich war mit sehenden Augen nach Slowenien gefahren, aber leider blieb es mir versagt, die gleiche Gnade wie der Blinden zu erhalten, das Lichtmeer zu schauen. Natürlich sind auch wir – wie bei allen Begegnungen mit Guru - mit einem überirdischen Glücklichsein zurückgekehrt. Jedenfalls war ich wirklich erstaunt, wie großherzig der kroatische Meister war, als er seinen langjährigen und sehr eifrigen Schüler einem anderen Meister übergeben wollte, weil dieser einfach über ihm stand. Und mich hat auch die Zielstrebigkeit des blinden Suchers sehr fasziniert, der – obwohl er von Guru als Schüler nicht angenommen und von dessen Schülern nicht unterstützt wurde, keine Mühen scheute, trotzdem mit dem von ihm so verehrten Meister zusammenzutreffen. Allerdings wurde er auch reichlich für seine Strebsamkeit belohnt.


